Stadtentwicklung

Mit einem quadratischen Flyer in jedem Briefkasten lud der Bürgermeister der Stadt zu einem Polit-Talk gegen 13:30 Uhr.

Es ist eine ehemalige Zechenstadt. Seit 1997 wird keine Kohle mehr abgebaut. Die Schließung der Zeche hinterließ Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Noch immer befindet sich die Stadt im Strukturwandel. In den letzten Jahren hat sich in der Region viel getan, einige Firmen haben sich angesiedelt, die Stadt wird aus- und umgebaut.
Wie es weitergeht, möchte ich wissen. Denn es passieren Dinge in dieser Stadt, zu denen ich Fragen habe und ich bin gespannt, ob man mir Antwort geben kann, deshalb klettere ich die 400 Stufen hinauf auf die Halde, der Sommer will es Ende September noch einmal wissen und schickt Wärme bis 30 Grad. Ich bin zu warm angezogen. Für Imbiss, Getränke und gute Aussicht ist gesorgt, steht auf dem Flyer. Ich freue mich auf eine Erfrischung und zahle einen Euro für eine Fassbrause, ich dachte, der Bürgermeister gibt einen aus. Menschen finden sich ein. Ein Fahrdienst befördert Interessierte nach oben. Ich schaue auf die Uhr und schaue mich um. Ich hatte mit mehr Beteiligung gerechnet. Der Bürgermeister stellt sich auf, setzt an, verschafft sich Gehör. Die Gespräche rundum verstummen. Wir werden begrüßt. Es folgen eine Menge Informationen, die man zum größten Teil aus der Zeitung schon kennt.
Anstieg der Gewerbesteuer, Bau von Straßen, Ansiedelung eines Baumarktes und eines zweistöckigen Möbelmarktes sowie die Errichtung eines Fachmarktes, den es in der Gegend noch nicht gibt, ein Name wird nicht genannt, Einrichtung von 1000 zusätzlichen Parkplätzen, Nutzung des ehemaligen Extra-Gebäudes und des Herti-Hauses, die schon lange leerstehen. Ein Textiler interessiert sich angeblich für eines der Häuser. Der weitere Umbau der Innenstadt wird thematisiert. C&A hat weitere Flächen angemietet, die bald bezogen werden, die alten Bitter-Gebäude werden abgerissen, dort wird ein Einkaufszentrum entstehen. Noch mehr ist gedacht. Der Bürgermeister spricht von Woolworth und weiterer Gastronomie. Wenn die Leute in die Stadt kommen, um bei Aldi einzukaufen, gehen sie vielleicht danach noch in das ein oder andere Geschäft, nehmen vielleicht ein Kleidungsstück mit und trinken einen Kaffee. Das ist der Plan. Die Menschen sollen in die Stadt gezogen und dann gehalten werden. So wird es auch in den Nachbarstädten gemacht und ich frage mich, wo das ganze Geld herkommen soll. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Es werden zwar neue Arbeitsplätze geschaffen, sie werden jedoch den Bedarf nicht decken können. Das Geld wächst nicht nach. Der Bürgermeister hat ausgeführt, schaut in die Runde mit zusammengekniffenen Augen, die Bürger dürfen nun Fragen stellen. Ich halte eine Hand vor das Gesicht, die Sonne blendet, nun sind wir dran, ich formuliere in Gedanken vor. Eine Dame fragt nach den Parkgebühren, ob das Parken weiterhin umsonst sein wird. Der Bürgermeister schätzt, daß er die Gebühren in den nächsten fünf Jahren bei Null halten kann. Sie ist zufrieden. Ein Herr spricht die Gehsteige an, die teilweise erneuert werden müssen. In meinem Kopf rumort es. Das sind nicht die Fragen, die ich hören will. In der letzten Zeit ist viel in dieser Stadt passiert, interessiert das keinen? Man schaut in die Runde, es gibt keine Wortmeldung mehr. Ich bin enttäuscht. Es scheinen alle zufrieden zu sein.

In der letzten Zeit hat man eine Verwahrlosung in der Stadt bemerken können…es geht los, genau das will ich hören…ob man diese in den Griff bekommen hat. Häuser werden in Brand gesteckt, Reifen an Autos zerstochen, man kann nicht mehr angstfrei parken und abends randalieren Gruppen in der Stadt.

Der Bürgermeister kommt einige Schritte näher. Er macht ein besorgtes Gesicht, das glaube ich ihm sogar. Sie haben die Situation nicht ganz im Griff. Er überlegt, ob er Teile der Stadt per Kamera überwachen lassen kann. Man munkelt zwar, wer für all diese Taten verantwortlich ist, aber es gibt keine eindeutigen Beweise. Ich fasse Mut, er ist gerade so nah. Die neue Straße, die zum Teil schon gebaut ist und 40 Meter an meinem Schlafzimmerfenster entlanggeführt wird, bereitet mir große Sorgen. Da hilft auch ein Schallschutzgutachten nicht. Das sind Prognosen. Er sprach eben von 1000 neuen Parkplätzen, ich spreche davon, dass sehr viele von den Parkenden vermutlich nach der Errichtung der Märkte an meinem Schlafzimmer vorbei sausen. Natürlich gibt es dazu keine knackigen Antworten. Wie denn auch? Geplant ist geplant und wird durchgeführt. Eine Dame neben mir in hochhackigen Schuhen schlägt vor, ich solle doch umziehen, raus aus der Stadt, in ein Dorf, da gibt es noch reine Wohngebiete. Ich bin vor nicht allzu langer Zeit umgezogen und wollte Wohnortswechsel nicht zu einem Hobby mutieren lassen. Der Vorschlag trifft bei mir auf Unverständnis. Ich fände es schöner, wenn bei der Umgestaltung einer ganzen Stadt mehr an die Bewohner gedacht würde. Es wird reingequetscht, was geht. Mittlerweile fühle ich mich wie eingekerkert. Bald die neue Straße vor dem Schlafzimmer, nebenan die Supermarktanlieferung. Dabei wollte ich nur ein bisschen ruhig wohnen. So wird ruhig wohnen nur was für Wohlhabende.

Das Engagement für diese Stadt ist groß, zugegeben, aber Geschäfte allein schaffen keine Lebensqualität. Was mich stört, ist die völlige Umgestaltung, aus Alt mach Neu. Ein bisschen Alt möchte ich dazwischen haben, den Verweis darauf, wie es früher war, als die Großväter und Väter unter Tage gefahren sind, den Ort hundert Jahre geprägt haben mit der Kohle, die sie förderten. Hückelhoven ist eine alte Zechenstadt und das sollte man nicht verstecken, besonders nicht durch Fassadenerneuerungen.